Steyrling ca. 1928

++ Linzer Volksblatt vom 20. September 1924 ++ ONB_lvb_19240920 ++
Wandern und Reisen

Steyrling gehört zu jenen Orten unseres Heimatlandes, welcher jeden Sonn- und Feiertag von einer großen Anzahl von Wanderern benützt wird als Ausgangspunkt für größere und kleinere Partien. Der Ort selbst ist von der gleichnamigen Station der Pyhrnbahn 35 Minuten Gehzeit entfernt. In denselben führt die Gemeindestraße.
Von dieser zweigt beim Gasthaus Vogl an der Landstraße auch ein schattiger Fußweg ab, der der Steyrling entlang führt und beim Kaufhaus Schüller wieder in die Gemeindestraße einmündet und besonders in der heißen Sommerszeit viel begangen wird.
Nach der Bahnfahrt werden die meisten Wanderer eine kleine Stärkung zu sich nehmen, Gelegenheit hiezu ist geboten in den drei Gasthäusern des Ortes, und zwar beim Klausnerwirt in der Nähe der Kirche, beim Gasthaus zur Kaiserin Elisabeth und bei Schwendinger in der Nähe der Brücke, wo die Straße ins Brunnental führt. Das Gasthaus zur Kaiserin Elisabeth führt deshalb diesen Namen, weil die Kaiserin auf einer Wanderung vom Almsee über den Ring hier im Jahre 1885 Rast machte. Wer in Linz nicht Gelegenheit hatte, seiner Sonntagspflicht nachzukommen, kann selber noch nachkommen in der Pfarrkirche in Steyrling, wenn der Frühzug keine zu große Verspätung aufweist. Die Kirche ist im Jahre 1863 geweiht worden« Ihre Bauzeit erstreckte sich auf zehn Jahre.
Sie ist im romanischen Stile erbaut und paßt sich dem Ortsbilde harmonisch an. Als Neubau entbehrt sie kunstgeschichtlich wichtiger Sehenswürdigkeiten. Als Wallfahrtskirche zur unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter übt sie auf einzelne Pilger noch immer ihre Anziehungskraft aus. Zahlreiche Motivtafeln hinter dem Hochalter und in der Beichtkapelle künden: Maria hat geholfen. Der hat ein altes Sensengewerk, dessen Marken heute noch m Polen und Rußland ihren alten Ruf haben. Die Sensengewerke werden in den Matriken der Pfarre Klaus schon seit 1674 erwähnt. Von Steyrling aus kann man hinaufsteigen zum Törl, dem bekannten Felstor der Kremsmauer. Der Weg zweigt beim Klausnerwirt von der Straße ab, ist vom Vereine der Naturfreunde gut markiert und führt in gut dreistündiger Wanderung hinauf zum Törl Gemütliche Wanderung wird die vom Verein der Naturfreunde angegebene Zeit von vier Stunden erfordern. Der Weg ist größtenteils schattig und gar nicht anstrengend mit Ausnahme des Weges von Kaltau bis zur Spitze, daselbst sind auch einige Sicherungen angebracht. Von Törl kann man über die Gradnalm oder über die Barnstalleralm absteigen nach Micheldorf und ist um 9 Uhr abends wieder in Linz. Der Weg, der von der Kaltau abzweigt und über die Pyramide der Kremsmauer auch zum Törl führt ist derzeit nicht markiert und deshalb Wegunkundigen nicht anzuraten. In der Nähe der Kaltau sind heute noch schwache Spuren einer um fangreichen, jedoch verfallenen Stollens sichtbar, dort hat ungefähr um das Jahr 1480 das Stift Spital am Pyhrn ein Bleibergswerk betrieben. Die meisten Wanderer gehen von Steyrling über den Ring in den Almsee, eine einzig schöne und lohnende Wanderung für jeden der halbwegs gut zu Fuß ist. Der Weg führt immer der Steyrling entlang bis zum Stögerreith (nicht Steyerreith, wie es auf der Karte heißt). Wer die Wanderung von Steyrling nach Grünau unternehmen will, muß bei der Höbbacherbrücke den markierten Weg benützen, der über die Wasserböden Keferreith in den Schindlbach und von dort nach Grünau führt. Der Weg führt allmählich ansteigend hinauf in die Wasserböden, ein Almboden der immer befahren wurde. Das Almgebäude selbst ist 1686 erbaut worden und dürfte eines der ältesten erhaltenen Gebäude Steyrlings sein. Hat der Wanderer einmal diese Höhe erreicht, dann gehts spielend leicht talabwärts Grünau zu, im Schiendelbach ist Gelegenheit zu einer Stärkung. Wanderung zirka fünf Stunden. Der Ring- und Almseewanderer gelangt auf der Gemeindestraße zunächst ins Blunnental, wo sich seinem Auge ein herrlicher Rundblick auf das Tote Gebirge mit dem Hochpriel darbietet. Das Brunnenthal mit seiner vom Fürst Starhemberg erbauten Villa ist im Besitze des Fürsten Schaumburg Lippe, der jährlich einige Wochen hier dem Jagdvergnügen auf Hochwild huldigt. Wer nicht über den Ring wandern, sondern über den Kasberg hinunter nach Grünau steigen will, muß nach der sogenannten Singervilla in der Nähe der Brücke über die Steyrling den markierten Weg benützen, der in fünf Stunden hinauf zum Kasberg (1748 Meter) führt. Auch diese Tour ist für mittelmäßige Fußgeher nicht anstrengend, führt größtenteils durch Waldungen hindurch bis zur im Jahre 1922—1923 erbauten Jagdhütte des Fürsten Schaumburg Lippe auf dem Ahornfeld. In der Nähe der Jagdhütte ist beim „Gjaidbrunnen“ ausgezeichnetes Trinkwasser.
Auf der Ahornfeldalmhütte hat man eine schöne Fernsicht bis nach Vorderstoder und zum Bahnhofgebäude Windischgarsten. Von dem Jagdhaus führt der Weg hinein in die Kasbergmulde oder Steyrlinger Kasberg ein Almboden der mit Ruinen einstiger Almgebäude reichlichst bedeckt ist. Die Alm- und Weidewirtschaft im Kasberggebiete ist über tausend Jahre alt, denn schon im Jahre 1903 übergibt Arnold Graf von Wels und Lambach dem Stift Kremsmünster das Weiderecht auf dem Kasberg (Chasiberg). Bis in die Siebzigerjahre herrschte auf den Almen des Kasbergs eine recht erträgliche Almwirtschaft, es ist noch nicht lange her, seit die primitiven Tische verschwunden sind, auf denen die Schweizerinnen ihre Butterkörbe stellten, wenn sie mit ihrer Last Rast machten, ehe sie zu Tal stiegen. 1870 mußte das Vieh dem Hochwild weichen, der Almboden versteinerte und verunkrautete, die Almgebäude wurden teils abgerissen, teils. verfielen sie, um jetzt in ihren Ruinen noch zu zeugen vom Fleiße eines Jahrtausends. Das Almschutzgesetz will ja auch hier wieder Wandel schaffen, Forst und Weide werden auch hier wie anderwärts sich scharf gegenübertreten, hoffentlich gelingt es den Vertretern der Almwirtschaft ihre Sache zum Sieg zu führen und dann wird auch in Zukunft wie einst der Besucher dieser Bergwelt kräftige Almmilch verkosten können. Dieweilen wir über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Almwirtfchaft auf dem Kasberg nachgedacht haben, sind wir schon auf dem markierten, etwas anstrengenden Weg auf den Roßschopf an gelangt, wir wandern über den Grat hinüber zur Pyramide des Kasbergs, von dem man sowohl eine herrliche Gebirgsaussicht als auch eine Sicht auf das Flachland hat. Vom Kasberg kann man auf dem markierten Wege absteigen zum Grünauer Kasberg Die dortige Almhütte im Besitze des Bauern zu Schlag von Grünau hat sechs Betten und ein Heulager mit Decken zur Zeit des Weidebetriebes. Von der Hütte aus kann man aus nichtmarkierten, aber leicht findbaren Weg einen Abstecher machen auf das Spitzplaneck, zirka eine halbe Stunde, man hat dort vor sich den Almsee, die Berge, die diesen umrahmen und die ganze Alpenkette von Niederösterreich bis Salzburg. Manche Bergwanderer finden die Gebirgs- und Landfernsicht vom Spitzplaneck aus schöner als von der Kasbergpyramide aus. Es gebe im Kasberggebiete noch einzelne entzückend stille Wanderungen, leider sind dieselben aus jagdlichen Rücksichten nicht zugänglich und in gewisser Hinsicht auch mit Recht, denn die herrliche Kasbergflora, über die eine eigene Schrift erschienen ist, wird dadurch erhalten. Sie hat ohnehin durch den Unverstand so mancher Bergwanderer gewaltig gelitten. Das Kohlröserl z.B. ist nur mehr an einigen nur dem genauen Kenner bekannten Stellen erreichbar, desgleichen andere Blumen der von der Flora nicht bedachten Bergwelt des Kasberges. Wenn deshalb so manche Schönheiten des Kasberges der Allgemeinheit nicht zugänglich sind, dann mit Recht, denn es ist leider Wahrheit: Der Mensch schreitet über die Erde und hinter ihm folgt die Wüste. An Herbsttagen kann der Spätwanderer oft beglückt werden von der Herrlichkeit eines Nebelmeeres aus dem nur die Spitzen der Bergwelt des Toten Gebirges und seiner Anrainer vom Sonnenlicht übergossen hervorragen, leider sind in diesen Zeiten meist die Wege aus jagdlichen Rücksichten gesperrt. Vom Kasberg aus kann man nicht bloß nach Grünau, sondern auch in den Almsee hinabsteigen. Wir kehren zurück zur Straßenscheidung im Brumkental und begeben uns wieder auf die Gemeindestraße, die längs der Steyrling weiterführt. Rechts gewahren wir die Holzriese der Steyrling G.m.b.H. auf der diese reichsdeutsche Firma bei Hochwasser das Nuntholz zur neu errichteten Gatters säge leitet. Beim Wegmacherhäusl würde ein Weg über die Langscheidtalpe hinüber in den Almsee führen, er ist jedoch nicht markiert und deshalb Wegunkundigen nicht anzuraten. Wir sind bald in der Steyrlingenge, wo im Frühjahr Petergstamm, im Mai blauer Enzian und Lawendl (Alpenfeidenbast) und in den Sommermonaten Alpenrosen von den Wänden herunterleuchten. Leider hat auch hier der Unverstand gewisser Touristen schon so gewütet, daß sich die Kinder der Bergflora immer seltener zeigen. Beim Stegerreit teilen sich wieder die Wege. Der eine markiert, führt längs des Hungerauerbaches hinein bis zum Kreidenstampf, so genannt, weil dort auch wahrscheinlich um die Zeit, wo in der Kaltau noch Blei gegraben wurde, vom Kreidenberg Kreide gewonnen wurde. Hier hat auch die Steyrling G.m.b.H. ein Stauwehr zur Holzbeförderung errichtet. Hier vereinigen sich auch der Haslaubach und der Hungerauerbaeh. Würde man diesen entlang auf einem nicht markierten Weg weiterwandern, käme man in die Hungerau, an deren Endpunkt ein lieblicher Wasserfall zu sehen ist. Die Wanderung längs des Haslbaches führt in die Hasl (Haslau), ein ehemaliges selbständiges Bauerngut, heute als Weidegut gepachtet von der Weidegenossenschaft Klaus. Zur Hasl gehört auch die Paukenhaslau, ein herrlicher Almboden, der von der Mauer des Toten Gebirges eingeschlossen ist. Der Weg führt dann über den Weißenbach weiter zu den Haindlboden und von dort hinaus entweder zur Lebergmühle oder zur Station Dirnbach-Stoder. Von der Lebergmühle weg könnte man nach Stoder weiterwandern. Wegbauer von Steyrling über diesen Weg bis zu Station Dirnbach-Stoder zirka 6 Stunden, nicht anstrengend, an einigen Stellen des Weißenbachthales dürfte der Weg verbessert werden. Vom Stögerreith kommt man der Steyrling folgend in die Bernerau, hier war in den Jahren 1840——1850 ein eigener Tiergarten und ein Sägewerk, heute ist dieselbe ein Wohngebaude für das Forstpersonal. Früher war hier auch ein Gasthausbetrieb, der aber aufgelassen wurde. Von der Bernerau gelangt man in ungefähr einstündiger Wanderung hinauf zum Ring, kein Berg, sondern nur ein Gebirgsübergang, der ein herrlichen Kasbergpass Pnorama bietet. Am Fuße des Ringes sind die smaragdgrünen Öedseen, in denen der Wanderer ein erfrischendes Bad nehmen kann, ehe er weiterwandert zum Almsee (drei Stunden) oder über die Welser Hütte hinaufsteigt zum Besuche des Königs vom Toten Gebirge, dem Hochpriel (Fünf Stunden.) Zuvor kann er sich aber auch anders erfrischen in der Almthalerhütte, wo seit einigen Jahren eine Gastwirtschaft besteht. Das wären in Kürze die Gebirksgänge und Wanderungen, die von Steyrling aus gewöhnlich gemacht werden. Den Einheimischen bieten sich selbstredend noch eine Anzahl schöner Wanderungen im Tale und auf den Bergen wie auf den Klaugnerkogl (1/4 Stunde), auf den Ebnersattel und Hühnerzipf (zirka 2 Stunden), durch das Fischbachtal ins Schlagbauernreith (1 Stunde) und von dort auf den Keferspitz (3/4 Stunden) usw. Leider fehlt es in Steyrling infolge des Krieges und seiner nachfolgenden wirtschaftlichen Wehen an Gelegenheit zur Fremdenbeherbergung. Wohnungen für Sommerparteien sind an den fünf Fingern zu zählen, gebaut wurde seit Jahren kein neues Haus. Auch das elektrische Licht fehlt bis heute, obwohl genügend Wasserkräfte vorhanden wären, aus denen Licht und Kraft gewonnen werden konnte. Daß auch hier der Fremdenverkehr bedeutend gehoben werden könnte und nicht ohne Vorteil, mag man daraus entnehmen, daß vor Jahren ein hier weilender, vielgereister Engländer behauptete, Steyrling übertreffe an landschaftlicher Schönheit viele Orte der Schweiz und schweizerischer Unternehmungsggeist hätte schon längst alles mit Villen übersät. Nun, vielleicht kommt einmal der Prinz, der dieses Dornröschen aus seinem langen Schlafe erweckt zur Freude jedes Freundes einer schönen Gebirgslandschaft.
P. St