Die Kaiserin— im Steyr- und Kremsthale. Dem „Kremsthalboten” schreibt man aus Steyrling, am 6. ds.: Am Mittwochden 4. ds. M., etwa um 10 Uhr Früh. ging es in Steyrling von Mund zu Mund: Ihre Majestät unsere Kaiserin ist hier und bei Mittendorfer abgestiegen. Zur Freude der Bewohnerschaft bewahrheitete sich diese Mittheilung. Am 3. ds. M., Abends halb 8 Uhr, kam Ihre Maje¬stät nach Almsee, wo Allerhöchst dieselbe, in strengstes Incognito gehüllt, von Niemandem erkannt wurde. Am darauffolgenden Tage fuhr die hohe Frau auf dem mit Nebel bedeckten Almsee hinaus zum Echo, wo ein Pistolenschuß und einige „Juchzer” und Jodler die frohen Morgengrüße erwiderten. Dann gings fort unter der Führung des Wirthes vom Seehaus, Winkler, hinaus zum Jagersimmerl und dann auswärts längst des Hetzauerbaches. Die Hofdame Frl. v. Majlath be¬nutzte zum Reiten das beigegebene Maulthier, während Ihre Majestät rüstig nebenan, plaudernd und lachend zum den Odenseen hinaufstieg, und in Begleitung sich nur noch ein Kammerdiener befand. Bald war der „Ring,” dieser Glanzpunkt der Hetzau, erstiegen, dann ging’s durch buschigen Wald hinab zur hinteren Bernerau, Wände, Brunnenwinkel, an der herrlich gelegenen fürstl. Schaumburg-Lippeischen Villa vorüber nach Steyrling. Etwa um 9 3/4, Uhr Vormittags wurde bei Frau Theres Rittendofer eine zweistündige Rast gemacht. Saure Milch, eine Eierspeise und etwas gekochtes Rindfleisch mit Bordeaux aus Herrn Michael Pießlinger’s Keller schmückten die kaiserliche Tafel in Steyr¬ling. Ihre Majestät verkehrte in leutseligster Weife mit Herrn Pießlinger und dessen Töchtern, und ein Knabe, welcher eben als Ministrantvon einem Bersegange zurückkehrte, hatte das hohe Glück, von derkaiserlichen Landesmutter wiederholt befragt zu werden. Etwa nach 12 Uhrverließ der hobe Gast Steyrling, welcher zu Fuß bis zur Säge voraus¬ eilte, in Herrn Pießlinger’s Equipage ungesannt das liebliche Thal und fuhr durch Klaus, über Micheldorf, Kirchdorf, Magdalenaberg, hier beim „Wirth in der Höll” verließ die hohe Frau den Wagen und ließ sich die ganze hübsche weite Rundschau erklären — Pettenbach nach Scharnstein, um in Lindauer’s Gasthausden Pferden etwas Ruhe zu gönnen. Um 5 Uhr Abends war Ihre Majestät auf dem Bahnhofe in Gmunden, um die Fahrt nach Ischl fortzusetzen. Aus dem Bahnhofe wurde der Kutscher gefragt, was für Gäste er bringe, und er sagte: „Die Kaiserin”. Da verlachten sie ihn und sie meinten, die Kaiserin würden sie wohl besser kennen, als ein Kut¬scher von, Gebirg. Doch der Kutscher gab lakonisch zurück: „Es wird Euch bald Umreißet (geschäftig) machen. Die hobe Dame begab sich in’s Telegraphenamt und siehe, aus einmal öffneten sich fast alle Thüren und Fenster des Bahnhofes Und allenhalben stürzten Personen diensteiflig hin und her und— die Kaiserin fuhr nach Gmunden zurück, um mit Postpferdes die herrliche Tour über Ebensee zu beendigen. Die Kleidung Ihrer Majestät war ein gelbes, in’s lichlbraune übergehendesfaltenreiches Touristenkleid, während die Hofdame eine schwarze Toilette trug. „Für das Kremsthal”— schreibt das oben genannte Blatt— „war die abgelaufene Woche von einem hocherstaunlichen Ereignisse begleitet und bildet selbes das allgemeine Tagesgespräch selbst bis in die entferntesten Winkel unseres Gebirgsthales. Freudigen Wiederhall findet es in den Herzen Aller, die unserem erhabenen Kaiserhause mit ehr¬furchtsvoller Liebe zugethan, und der Ruf; „Die Kaiserin von Österreich war in unserem schönen Steyr- und Kremsthale! ertönt allenthalben von den Lippen unserer biederen Bewohner.Quelle: [Steyrer Zeitung – 1883 07 12 – Seite 3]

Auszug aus der Steyrerzeitung
Foto von Familie Schwarz